Berichte des Apostolischen Nuntius Cesare Orsenigo aus Deutschland 1930-1939
Kommission für Zeitgeschichte, Forschungsstelle Bonn

Kommission für Zeitgeschichte

Berichte des Apostolischen Nuntius Cesare Orsenigo aus Deutschland
1930 bis 1939

bearb. v. Thomas Brechenmacher

Kooperationsprojekt des Deutschen Historischen Instituts Rom,
der Kommission für Zeitgeschichte Bonn und des Archivio Segreto Vaticano

Die Berichte des Apostolischen Nuntius Cesare Orsenigo aus Deutschland 1930 bis 1939

Im Frühjahr 1930 trat der lombardische Priester Cesare Orsenigo die Nachfolge Eugenio Pacellis als Apostolischer Nuntius in Berlin an. Orsenigos Aufgabe in Berlin war doppelt schwierig. Das von Pacelli seit 1917 etablierte Niveau der Amtsführung konnte er weder kopieren noch gar erreichen; zudem sah er sich sogleich nach seiner Amtsübernahme mit der sich verschärfenden politischen und wirtschaftlichen Situation in Deutschland konfrontiert. Die Endkrise der Weimarer Republik sowie anschließend die nationalsozialistische Diktatur stellten Anforderungen an den Nuntius, denen auch eine diplomatisch versiertere Persönlichkeit als Orsenigo nur schwer gewachsen gewesen wäre. Orsenigo verblieb trotz vielfacher Kritik an der Art seiner Tätigkeit bis zum Ende des »Dritten Reiches« in Berlin. Durch einen Bombenangriff psychisch schwer angeschlagen, siedelte Orsenigo im Februar 1945 nach Eichstätt über, wo er am 1. April 1946 starb.

Im Urteil der Geschichtswissenschaft über Nuntius Cesare Orsenigo überwiegen die kritischen bis negativen Züge, auch bei grundsätzlicher Anerkennung der Schwierigkeiten seiner Aufgabe. Allerdings lag bisher eine nur einseitige Quellenbasis vor, dominierten die Aussagen über Orsenigo, während das Kernstück seiner eigenen Arbeit als Nuntius verschlossen blieb: seine Berichte aus Berlin an das vatikanische Staatssekretariat unter den Kardinälen Pacelli und Maglione zwischen 1930 und 1945. Zwar veröffentlichte Dieter Albrecht 1980 einen Band mit dem Notenwechsel und den Demarchen Orsenigos an die deutsche Reichsregierung, jedoch erscheint hier nur die »amtliche« Seite des Nuntius der Regierung in Berlin gegenüber, während die interne Verständigung zwischen Orsenigo und der politischen Zentrale des Heiligen Stuhls weitgehend dunkel bleibt.

Durch die Teilöffnung der vatikanischen Archive für die Zeit des Pontifikates Pius’ XI. (1922–1939) hat sich die Quellenlage wesentlich verändert. Zum ersten Mal ist nun das Korpus der Berichte Orsenigos – vorerst bis zum Frühjahr 1939 – vollständig zugänglich. Damit kann ein komplexer Informationsprozeß dokumentiert werden, zu dem, neben den Berichten des Nuntius, auch die Anweisungen des Staatssekretariats und seines Leiters Pacelli an Orsenigo, Korrespondenzen des Nuntius und des Kardinalstaatssekretärs mit weiteren kurialen Behörden sowie interne Papiere des Staatssekretariats gehören. Die Berichterstattung aus Deutschland erweist sich als außergewöhnlich dicht; nicht selten schrieb oder telegraphierte Orsenigo mehrfach täglich nach Rom. Die Berichte Orsenigos dokumentieren fast Tag für Tag, in allen Phasen, das Ende der Weimarer Republik und die Geschichte der nationalsozialistischen Diktatur aus dem Blickwinkel der spezifischen Interessen und Wahrnehmungen eines kurialen Diplomaten. Aber nicht nur die Themen mit unmittelbarem Kirchenbezug (Reichskonkordat, Kirchenkampf, Schulfrage, Jugendarbeit, Devisen- und Sittlichkeitsprozesse, Besetzung von Bischofsstühlen, usw.) sondern auch die großen allgemeinpolitischen Fragen der Zeit (Nationalsozialismus und Kommunismus, Wirtschaftskrise, Etablierung der Diktatur, Antisemitismus und Judenverfolgung, Außenpolitik Deutschlands, usw.) erörtert Orsenigo ausgiebig. Dabei wechseln sich treffende und unzutreffende Urteile, wahre und schlichtweg falsche Informationen, psychologisch feinfühlige und ihr Ziel verfehlende Einschätzungen stets ab. Die Berichterstattung Orsenigos bildete eine der wesentlichen Entscheidungsgrundlagen für die Politik des Heiligen Stuhls dem nationalsozialistischen Deutschland gegenüber. Ohne diese Quelle ausführlich zu berücksichtigen, wird zukünftig kein wissenschaftlich fundiertes Urteil über das Verhältnis des Heiligen Stuhls zum nationalsozialistischen Deutschland möglich sein.

Die Bedeutung der Berichte des Nuntius Orsenigo aus Deutschland rechtfertigt eine kritische Edition: denn allein ein fundierter Kommentar kann die Berichte in einer Weise erschließen, die ein falsches Verständnis und Fehlinterpretationen verhindert. Aus den bisher zugänglichen Jahren 1930 bis 1939 liegen ca. 1500 Berichte Orsenigos vor. Zusammen mit den darüberhinaus relevanten Dokumenten, besonders den Briefen Pacellis an Orsenigo wird von einem Korpus von ca. 2000 Stücken auszugehen sein (sowie für die Zeit bis 1945 mit mindestens weiteren 2000). Dieser Umfang legt ein zweisträngiges Verfahren nahe. Eine digitale Edition, die auf dem Server des Deutschen Historischen Instituts in Rom angesiedelt sein wird, stellt alle Texte in der jeweiligen Originalsprache – in der Regel Italienisch – zur Verfügung und bietet ein weites Spektrum an Abfrage- und Recherchemöglichkeiten an. Parallel zur elektronischen Edition wird in den Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Bonn, ein Band erscheinen, der, für alle Benutzer in Deutschland ohne italienische Sprachkenntnisse, eine umfangreiche, wissenschaftlich kommentierte Auswahl der Berichte Orsenigos in deutscher Übersetzung präsentiert.

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